März 6th, 2010

Wind von Süd

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Im Zug nach Süden, aus der kleinen Stadt, die seit gestern wieder unter eine weißen Pulverdecke liegt. Von dem groß angekündigten Flohmarkt in einer der breiteren Pflasterstraßen der Altstadt blieb eine einzelne Frau, die Silberteller feilbot. Und die – vielleicht weil sie die einzige war – glücklich schien.

Im Zug Richtung Süden

In vier Wochen werden wir genau diesen Zug nehmen, hinunter zum See, Energie tanken am Wasser. Ich habe noch nicht genug von dem Winter, meinetwegen kann es noch Wochen so gehen. Das einzige, was ich vermisse, ist der Blick ins Tal.
Von der Wand über dem See.

März 4th, 2010

Tummetott

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Frau Hoffmann reibt sich an meiner Tasse, in der irgendein Tee mit Baldrian zieht. Soviel Liebe hat sie mir noch nie gegeben. Ich sitze daneben, beobachtend und schwanke zwischen Lächeln und Verzweiflung, weil ich nur eben kurz etwas machen wollte; und nun haben wir zwanzig nach Vier. «Du Katze, du irre» denke ich noch, «wie oft ich dich beneide und nun drehst du zu solch unmöglicher Zeit neben mir durch.»
Es soll wie ein Lob klingen. Bevor sie die nächste Runde mit dem Teebeutel ficht.

Draußen ziehen die Kehrmänner vorüber und ich glaube für den Moment, seine Stimme zu hören. Als ich herausschaue sind es bloß die üblichen verdächtigen zwei. Ich höre das Bett, es ruft mich.
«Ich würde ja gern, weißt du, ich erledige das bloß eben noch schnell.»

Endlich gesunden!

Seit zwei Wochen trage ich diese Erkältung spazieren. In der letzten Woche hat sie mich phasenweise ins Home-Office gedrängt, herrscht bei uns im Büro das Ethos, woanders zu bleiben statt die Kollegen anzustecken. An anderen Tagen (und am Wochenende davor) hat mich eine Medikation durch die Tage gebracht, die Krankheitsbilder zuverlässig verdeckt.

Seit nunmehr einiger Zeit klammere ich mich an Guten Morgen Saft und zum Frühstück gereichte Karotten, mich fragend: «Wann ist das vorbei?»
Ich mag beides, mich stört nur der Husten.
Und die Telefonkonferenz in wenigen Stunden.

Februar 28th, 2010

The Letter Project

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The Letter Project

via: The Letter Project

Heute lag ein Brief in der Post, ein einziger nur für dieses ganze Haus und er war für mich. Ich erkannte ihn sofort am Briefumschlag; ich war mir vom ersten Moment sicher, dass es die Freundin aus Hannover war, die schrieb. Darin ein Foto, ein Foto von mir, das auf der Zwischenlandung ihres Fluges nach Istanbul im September des letzten Jahres entstand. Darauf trage ich einen Anzug.

Obwohl man den Anzug nicht gut erkennt, erahnt man doch, dass er mir steht. Ich trage Anzüge gern und doch viel zu selten. Zur Zeit trifft man mich im Wald vorrangig in Blue Jeans, einem grauen Troyer und Wanderstiefeln: Der Anzug und die dazu passenden Schuhe eigenen sich nicht für den Weg über zugeschneite Wege. Ein Kollege sagt, meinte ich das mit den Anzügen ernst, hätte ich einen für untertags im Büro. Das ist natürlich Quatsch, außerdem sind Anzüge in unseren Gebäuden dort oben Perlen vor (in diesem Bereich) apathische Säue.

Gleichzeitig will ich nicht auf die Wanderung (oder die Radfahrt) durch den Wald verzichten; ich trage auch den Troyer gern und in öffentlichen Nahverkehrsmitteln wie den Bussen dieser kleinen Stadt wird mir zuverlässig flau. Ich genieße die Luft und das Fehlen der Menschen, die in Bussen stets niesen und husten.

So hat beides seine Seiten die ich sehr schätze. Auf Fotos machen sich Anzüge selbstredend besser, doch:

Hab ich das eine
vermiss’ ich das andere.

Ich habe in der letzten Woche viermal zwischen zwei Handys gewechselt – aus vergleichbaren Gründen. Mit meinem Wunschberuf verhält es sich ähnlich, ebenso mit der Stadt, ich der gern lebte (nicht einmal das Land!).

Hört das irgendwann auf?
(Es ist recht anstrengend so.)

Februar 15th, 2010

RE 25002

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Für das wunderschöne Mädchen und mich war es an diesem Wochenende die einzige Möglichkeit uns zu sehen. Weil es gestern bereits relativ spät war, entschied ich mich gegen den InterCity, der eine Stunde später gefahren wäre und stieg in einen «Regionalexpress mit Halt auf allen Unterwegsbahnhöfen» (jedenfalls zwischen der kleinen Stadt und dem dreißig Kilometer südlicheren Verkehrsknotenpunkt).

Heute morgen fiel die Wahl auch wieder auf diesen Zug (um eine halbe Stunde im warmen Bett zu gewinnen), der auf der letzten Teilstrecke an jedem Futtertrog anhalten wird und der sich deshalb bei Pendlern aus eben jenen Dörfern einer großen Beliebtheit erfreut.

Um es kurz zu machen: Gestern nachmittag war der Zug überfüllt von alkoholtrinkenden Fußballfans, die lärmten und stupide Sätze sagten, die ich nicht hören will. Könnt ihr euch kein Hobby suchen, das man nüchtern ertragen kann? Heute morgen haben wir bereits eine Viertelstunde Verspätung und beiden Zügen gemein ist die Tatsache, dass es unmöglich ist, selbst bei längeren Bahnhofsaufenthalten die Türen – einmal geöffnet – zwischendurch wieder zu schließen: Sie bleiben offen bis zur Abfahrt. Die Wirkung kann sich bei einem durchschnittlichen Türabstand von zehn Metern und -4°C jeder selbst ausmalen.

Ich jedenfalls habe in diesen Zügen lange keinen Schaffner gesehen.

Februar 8th, 2010

Hardangervidda

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Gestern noch habe ich mich unruhig gewälzt und gefragt, wann ist es vorbei?

Es ist kalt, es ist kalt, es ist bald vorbei

Heute morgen habe ich den Müll herunter getragen.
Ich schaue aus dem Fenster in den Wald, zwischen dem und mir die Luft flimmert. Es wird noch einmal kalt, sagen sie, und ich bedauere, meine Bettdecke entsorgt zu haben, um nachts atmen zu können.

Ist das alles, fragst du?
Das ist alles, sagst du.

Lass uns im Sommer hinfahren, wo man über Steine springen muss.

Februar 3rd, 2010

Death kills

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In unserem Team war ich der Erste, der mit dem Twittern begann. Irgendwann eröffneten wenige andere Kollegen einen Twitter-Account einem Anlass folgend, den ich längt vergessen habe. Sofort verlagerten sich bestimmte Mitteilungen auf Twitter, was von uns niemandem auffiel – wir waren alle dabei. Ich wusste, was meine Kollegen dachten, was sie gerade zugespielt bekommen hatten und über was sie sich amüsierten.

Wir hatten uns angewöhnt, Gedanken sofort online zu stellen und beinahe sofort Reaktionen auf diese Einträge zu bekommen. In dieser Zeit hatte ich viele Probleme, Blogeinträge zu schreiben: Die meisten Gedanken waren bereits veröffentlicht, und mit einem roten Faden ältere Twittereinträge zusammenzufügen hatte ich keine Lust – wenngleich einige Blogger das machen, damit ihr Blog nicht vollends verhungert («Ein Blog ist wie ein Haustier»).

Weil das Blog für mich wichtiger ist als eine Webseite voller ungefilterter Gedankenfetzen, war ich schließlich auch wieder der Erste, der seine Mitgliedschaft in diesem Kurznachrichtennetzwerk kündigte. Sofort merkte ich das Fehlen der über diesen Kanal gesendeten Informationen; bis heute muss ich regelmäßig nachfragen, wenn ich allen Referenzen im mündlichen Gespräch folgen will.

Besser als das.

Januar 25th, 2010

Berlin

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Als ich heute Abend mit dreißigminütiger Verspätung am Berliner Hauptbahnhof den Zug verließ, bereute ich (ungefähr zum dritten Mal), dass ich mich für eine Anzugshose und Halbschuhe entschieden hatte (der Kollege, der mich bat, zu diesem Meeting zu kommen, sagte, man sei in diesem Projekt noch recht förmlich; da es keines «meiner» Projekte ist, entschied ich mich für diese unpassende Kleidung – er lachte später im Zug und erklärte, er meinte damit das Siezen). Im Hotel heißen sie mich wärmstens willkommen, weisen per Aushang auf die momentane (-11°C) und gefühlte Außentemperatur (-18°C) hin. Und darauf, dass man hier versuche, die Welt zu retten und daher in den Zimmern keinerlei Waschlotionen und dergleichen zu finden seien, diese aber selbstverständlich – so ich nichts dergleichen mitgebracht hätte – zur Verfügung ständen, Ich verwies auf das Argument der Weltrettung und nahm eine Tube Weleda-Shampoo in Empfang, während der Portier mir köstlich amüsiert auf die Schulter schlug.

Etwa zwanzig Minuten Fußweg entfernt steht das Theater am Schiffbauerdamm an der zugefrorenen Spree. Es wäre mit Nahverkehrsmitteln sehr schnell zu erreichen, doch die Straßenbahn speit mich bereits an der nächsten Station wieder ins Freie: Wegen eines Staatsbesuchs. Später erfahre ich, dass sie die Stadt festungsgleich absichern wegen des Besuchs Shimon Peres’ und erinnere die ständigen Patrouillen vor den Toren der Jüdischen Gemeinde, die mir aus jener Zeit im Gedächtnis haften, in der ich regelmäßig in dieser Stadt schlief.

23:21

Aus dieser Zeit kenne ich auch das Circus, jenes Hotel, in dem ich heute zum ersten Mal schlafe. Gegenüber, in der Bar unter dem Hostel, habe ich den norwegischen Freund auf einem der Konzerte seiner Deutschlandtour zum letzten Mal gesprochen und gesehen. Und in der Nähe, ein wenig die Straße herunter, wohnt jemand, den sie mir vorgestellt hat. Sie weiß bestimmt zehn Menschen hier zu besuchen, mir fällt die Nennung eines einzelnen Namens schwer.

Ich streite mich mit Berlin über Aspekte; über die Rauheit und Lautstärke an den Bahnstationen, was sie «Berliner Schnauze» nennen oder dem Schmutz in den Gassen. Dennoch ist es seltsam vertraut, wieder hier zu sein. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit als diesen Abend, an dem es zu kalt ist, um draußen zu sein.
Im Sommer vielleicht.
Dann wieder zusammen.

Januar 23rd, 2010

Moi non plus

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Der Kaffee schmeckt dort besser als zu Haus.
Nicht nur deswegen zieht es mich regelmäßig nach Süden. Denn diese kleine Stadt ist voll von komischen Leuten. Wenn diese Wohnung nicht wäre und die Menschen, mit denen ich diese teile (und ein paar andere Freunde), ich nähme das Pendeln jederzeit gerne in Kauf und bemühte mich vielleicht, diese Zeit schneller zu Ende zu bringen als jetzt.

Aus Gründen, die ich sehr wohl kenne

Nach dem Veranstalten unserer Party ist nicht nur der vergammelte Alkohol (von uns hat sich seit vielen Monaten jeder vor dem Trinken dieser Flasche gescheut) und der Kaffee geplündert, auch fehlen ein Korkenzieher der Hochpreiskategorie und eine alte Pinzette, die in einer Badschublade versteckt lag. Ich bügle noch immer Wachsflecken aus meinem Teppich, Julia trauert einer Lampe nach und beinahe noch jeden Tag fingern wir Kronkorken aus den Ecken der Räume. Ich würde Leute gerne verstehen, aber ich schaffe das einfach nicht. Und erinnere eine Feier, nach der ein Telefon fehlte, und eine zweite, auf der ein Fahrrad verschwand. Ein Fahrrad!

Als wir das Haus in die Rüstung zur Party verpackten (vor nunmehr drei Wochen), schoben wir die Fahrräder ins Foyer des Nachbarhauses. Bis auf eines: Das alte Rad meiner Oma lehnten wir hoch der Gasse an eine Hauswand und vermerkten im Geiste, dass wir es abschließen müssten. Eben schob ich das Rad zurück in den Flur, versah die Notiz im Geiste mir der Bemerkung Nun nicht mehr nötig! Und erinnere eine Feier, auf der ein Fahrrad verschwand. Ein Fahrrad!

Es sind diese Momente und Momente an Kassen, Momente in den Oberstadtgassen und Gespräche in der Umkleidekabine des Sportstudios (die ich hier nicht wiedergeben möchte, mir aber die Herkunft zahlreicher Vorurteile offenbaren), es sind solche Momente, die mich verzweifeln lassen. Es gibt hier Menschen, die reagieren mit bewundernswerter Toleranz, ich schaffe nur stilles Verzweifeln und den Wunsch nach Garaus.
Dass Leute doof sind setze ich als bekannt voraus.

Ich bin – glaube ich -, was man gemeinhin als bedingt partyfähig bezeichnet. Was ich weiß, ist folgendes:

Mit Thomas Bernhard sozialisiert (auf ihn, allerdings nicht allein, berufe ich mich oft) eilt mir ein gewisser gesellschaftlicher Pessimismus voraus. Gesellschaft ist mir lieb, wenn sie in ruhigen Gesprächen auf gemütlichen Sitzgelegenheiten stattfindet, das letzte mal auf einem Flur mit einem Bier in der Hand stand ich auf einer Party wegen des Mädchens, bei dem ich heute wochenends schlafe. Doch sie war damals nicht dort.

Letzten Samstag war sie es, unter den Leuten in der Gesellschaft, die sich in meinem Zimmer, weiters im ganzen Haus eingefunden hatte. Ich hatte mich als König verkleidet und an der kurzen Stirnseite des Zimmers auf dem eigens installierten Thron Platz genommen, von dem aus ich die Tür in gutem Überblick behielt. So nahm der Abend seinen Lauf, Gäste kamen und gingen, einige von weiter fort, viele mir Unbekannte, die jemanden kannten, der jemanden kannte; eine typische WG-Party. Viele waren sehr nett und wenn ich nicht im Thronsaal saß, mäanderte ich durch die geschmückten Zimmer des Hauses und hatte erfreuliche Treffen.

Um halb vier Uhr morgens wäre ich gerne nach Hause gegangen. Der Tagesrhythmus forderte seinen Tribut und wer zu der Zeit im Thronsaal weilte, konnte nur ein gutmütiger König ertragen, der ich um diese Uhrzeit nicht war. Das ist, was ich meine (dort oben).
Gesellschaft findet häufig auߟerhalb meiner Betriebszeiten statt.

Am Schönsten ist es doch immer mit ihr und wenigen anderen am Fluss dieser Stadt (oder in gemütlichen Sesseln).

Januar 8th, 2010

Bleibe!

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Hier innen frieren die Scheiben. Ich besitze nichts, womit ich das festhalten kann – ich besitze nichts, womit ich dich festhalten kann. So bleibt nur das Vertrauen.

Die Zeit, sagst du, rennt; seit gestern fühle ich mich jünger. Doch wenn dieser Plan, den wir teilen, wirklich wird, stelle ich hohe Ansprüche an mich selbst (und uns), Sorge tragend, vor mir zu versagen. Trotzdem bin ich sicher: So bleibt das Vertrauen.

Und wenn wir morgen zur Zusammenkunft laden, wenn die Freunde bei Käse und Wein (und guter Musik!) einander anlachen und reden, dann werde ich lieben was ich heute noch hasste; dann werden wir dankend einander zunicken können und sagen ,,wie immer war’s toll”,
so bleibt das.

Januar 7th, 2010

Und nu?

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Marokko liegt hinter uns; wie man sich zuredet, haben wir das ordentlich absolviert. Ausgerüstet mit einem Reiseführer, in dem stand, man solle sich vor rohem und mit örtlichem Wasser gewaschenen Gemüse in Acht nehmen … die Krankenhäuser in Marokko sind auf ihre Art und Weise beeindruckend. Gut, dass ich dort nicht lag und wir abends den Flieger nehmen konnten. Die Speisen sind, so man sie überlebt, was mich heute in die Sportgeschäfte der kleinen Stadt trieb. Der Spiegel lacht noch (seit gestern) und obwohl ich jetzt an den Geräten sein wollte, schreibe ich diesen Text.
(Aber meinem Magen geht es noch nicht wirklich gut!)

Ich dachte, ich sei zu alt für Vorsätze. Ich bin tatsächlich zu alt, um sie öffentlich zu zelebrieren.
Doch die Liste ist tatsächlich länger als Sport.

Ich sitze an dem kleinen Schreibtisch unter dem Dach und schaue durch in der Schräge eingelassenen Fenster, die vor einer Woche komplett zugefroren waren, auf die umstehenden Häuser. Daneben stapeln sich ungelesene Zeitungen, deren Lektüre ich mir für den Zug und das Flugzeug bewahre. Ein Stapel Bücher schweigt mich vorwurfsvoll an, das einzig gelesene Buch davon räumte ich gestern zurück in den Schrank.

Der erste Termin nächsten Jahres

In wenigen Stunden sitze ich am Meer in einem Hotel auf den Felsen, dessen Fenster nach Westen blicken. Ich werde – das ist das Drama – nicht zum Schreiben kommen und nur selten zum Lesen, wie ich in den vergangenen Monaten nicht zum Schreiben und nur spärlich zum Lesen gekommen bin.

Ich habe mir ausgesucht, wie es ist.
Stattdessen werde ich reden.

Dezember 11th, 2009

Heart of the Continent

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Left & Leaving

Das passierte zu einer Zeit, als der Streit zwischen dem Finanzamt dieser Stadt und dem Café Trauma gerade eskalierte und die Konsequenz daraus noch fern lag. In einer Zeit, in der man in niedrigen Räumen tanzte, das billige Bier noch nicht schlecht und die Musik angenehm laut war. Olli war Donnerstags immer da und man musste seinen Rollstuhl und ihn die Treppen hinauftragen und wieder hinab, die Stimmung war damals besser als in den behindertengerechten neuen Räumen, die man dem Café seitens der Stadt später zuwies.

In jener Zeit stürzte ich mich in die Menge und blieb, wo man mich fing, stehen, als er mir auf die Schulter tippte und wir ein paar Worte wechselten. Hinterher erfuhr ich, dass er ehemals in einer Hardcore-Band spielte, was ich ihm heute, Einblick wegen fehlgeleiteter Freunde habend, hoch anrechne.

Ich erzählte lange, ich hätte mich monatelang nicht gewaschen, wo sein Finger meine Schulter berührte. Das war gelogen wie das Früher war alles besser weiter oben.
Aber es hatte mehr Charme.

Wer auf Weihnachtsmärkten Glühwein trinkt, stört sich nicht an dieser billigen Art von Musik, sage ich. Du warst schon immer der Tolerantere von uns beiden und hast für vieles Verständnis. Wir sind ein perfektes Paar sage ich nicht bloß, weil es ist, was ich hoffe.

Wearing Boxhandschuhe

Ich habe, erzähle ich zu Dir gedreht, einmal in meinem Leben Glühwein probiert. Noch habe ich nicht entschieden, was mir weniger schmeckt, doch geht es mir ähnlich wie mit Apfelwein (wenngleich: vielleicht war der selbstvergorene meines Vaters kein guter Kandidat). Ich habe, und das meine ich ernst, mich nie wohl gefühlt in einer Gruppe Menschen wie diesen.

Ich bin glücklich in diesem Café dort unten am Fluss oder in jenem am See. Sogar in Berlin (sogar dort!) gibt es diesen Ort, den ich etwas vermisse (entgegen diesem Moloch von Stadt).

Du sagst über den Weihnachtsmarkt in deiner Stadt, das wäre ein Ziel für Terroristen.
Allein: Was will man dort denn erreichen?
Und: Bedenke, der Glühwein!

Dezember 4th, 2009

Il Medeghino

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Betritt man den Laden des sizilianischen Schusters, dem ich meine Schuhe bisher anvertraute, fällt der Blick sofort auf eine ältere DeLonghi Erspressomaschine, die Platz gefunden hat auf einem mit Lederschuhen überladenen Tresen. An der Wand zeugen unzählige Fotos von der Bekanntschaft mit zahlreichen Berühmten und Unbekannten; Unter anderem hängt das in diesen Kreisen vielleicht unvermeidbare und vergilbte Portrait des Padre Pio hinter der Kasse.
Verschwindet er in seiner Werkstatt, um letzte Arbeiten am abzuholenden Schuhwerk auszuführen (er hält seine Prognose für die benötigte Zeit auf die Minute ein!), bleibt Gelegenheit, diese Bilder ausgiebig zu studieren. Die beim Eintreten dem Rücken zugewandte Wand unterscheidet sich von der ihr gegenüberliegenden nur durch die weit über Kopfhöhe angebrachte beeindruckend große Karte Siziliens, deren Städte und Straßen man unten stehend nicht entziffern kann.

Barracuda

Irgendwann schweift der Blick über die deckenhohen Regale an den verbleibenden Wänden dieses kleinen Raumes, die dem Tresen mit guten Beispiel vorangehen und die ihnen zur Aufbewahrung überantworteten Schuhe mit lieber Not verwahren. An einem dieser Regale hängt eine abgegriffene Visitenkarte, die außer dem Vor- und Nachnahmen des geschäftigen Schusters auch seinen Mittelnamen trägt: Medici.

Der Arzt konnte sich nicht entscheiden, an was ich litt, und schickte mich ohne Rezept und mit dem guten Rat fort, in den folgenden Tagen für mich zu bleiben und bei Verschlimmerung nach dem Wochenende wiederzukommen. In jener Zeit starb in unserem Arbeitszimmer ein Fisch und in der WG meiner Freundin die Katze. Und gestern ein Mensch, den ich kannte.

Der November war kein guter Monat für Lebewesen, wir liegen gekauert und blecken unsere Wunden.
Hier kannst du mich finden, wenn du mich brauchst.

November 10th, 2009

Barfuß in die/der Oberstadt

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Es geht das Gerücht, dass ein Großteil der Cafés und Bistros im alten Teil dieser kleinen Stadt einem Clan gehören, der verschiedene Söhne mit der Leitung der einzelnen Gastronomiebetriebe betraut hat. Ich weiß niemanden, der einen Stammbaum jener Familie kennt, dessen Blätter sich mit den Besitzern der Cafés decken. Aber es gibt deutlich sichtbare Anzeichen, dass die Inneneinrichtungen, die Möbel und Stile gleicher Herkunft sind. Außerdem trifft man in diesen Cafés die stets gleichen Menschen.

Vor kurzem wurde das alte Café hier gegenüber verkauft, das in den späten Siebzigerjahren von ehemaligen Studenten eröffnet wurde (jedenfalls erzählt man sich das). Nach dreißig Jahren hat nun der letzte seine Arbeit dort beendet und das Café dem Clan übereignet. Dessen erste Handlung bestand im Umbau des Ausschanks und des kompletten Wechselns der Service-Belegschaft, die teilweise seit Jahren ihr Studium dadurch finanzierte. Die neue – das haben wir gestern erfahren – ist lästig und nicht besonders geschickt; und passt damit zu dem Stil der zahlreichen anderen Cafés jener Familie. Auch die Speisekarte wurde erneuert, in zur CI passenden Worten erfährt nun der Gast (unter anderem):

Ein Kneipenbummel in Marburg, das bedeutet dann doch weniger Schicksenalarm in hochgestylten Franchisegastronomiebetrieben, sondern eher eine Atmo typisch geisteswissenschaftlicher Studiengänge mitsamt den passenden politisch korrekten Eingeschriebenen.

Noch mangelt es nicht an Alternativen.

November 1st, 2009

Betreff: Ihr Bonusheft

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Sehr geehrte Frau S.,

Sie fragen sich bestimmt, warum ich Ihnen einen Brief schreibe; wir kennen uns indes gar nicht. Keine Sorge, ich bin weder eine Bekanntschaft, an die Sie sich nicht erinnern, noch haben wir uns je getroffen. An Ihre Adresse und den Grund meines Schreibens gelangte ich vollständig aus Zufall.

Vor einer Woche befanden wir – meine Freundin und ich – uns zum Urlaub in der Stadt, in der Sie vielleicht noch immer wohnen. Am vorvergangenen Wochenende fand im Foyer des kleinen Kursaals im Haus des Gastes ein vom örtlichen Lions Club veranstalteter Bücherflohmarkt statt. Eher zufällig entdeckte meine Freundin diese Veranstaltung – da wir in der Nähe waren und einige Zeit hatten, stöberten wir durch die aufgebauten Regale und Kisten.

Die Ausbeute war recht umfangreich und mir fehlt leider die Erinnerung, aus welchem jener Bücher Ihr Bonusheft herausgerutscht ist (ich glaube, es war ein Buch von Dostojewski, möglicherweise „Der Spieler“).

Natürlich weiß ich nicht, ob Sie noch unter der auf dem Bonusheft vermerkten Adresse erreichbar sind. Wäre mir die Idee sofort gekommen, hätte ich einen Umweg über Ihre Straße nehmen und Ihr Bonusheft persönlich zurückgeben können – da ich frühestens in ein paar Monaten wieder in der Stadt sein werde, sende ich Ihnen also Ihr Bonusheft auf diesem Wege zu.
Ich hoffe, Sie haben es in den letzten Jahren nicht vermisst oder gebraucht.

Mit herzlichen Grüßen aus dem hessischen Marburg
bleibe ich Ihr

Niels Fallenbeck

P.S. Zu Ihrem Geburtstag nachträglich Alles Gute!