Als wir vor zwei Jahren begannen, diesen Sommer zu planen, war recht bald klar, dass wir in die Hardangervidda wollten mit Rucksäcken und mit Zelt. Wir haben uns Bücher gekauft, einen Kompass, wir haben geplant und diskutiert – es war die Diskussion Hütten vs. Zelt. Wir hatten beinahe einen Brenner bestellt und Töpfe, und ein Norwegisch-Sprachkurs steht hier. Und dann kam der Anruf.

Es war eine ihrer alten Freundinnen, ein Mädchen aus Russland, das uns einlud zu ihrer Hochzeit. Wir haben nicht lange überlegt und das Wandern im Norden verschoben auf 2011. Wir haben uns andere Bücher gekauft, den Kompass wieder verpackt, wir haben geplant und diskutiert – es war die Diskussion Laptop vs. «Du spinnst!». Ich war gestern und heute in einem kleinen Outdoorgeschäft um die Ecke und habe in kurzer Zeit einen stattlichen Betrag investiert. Heute nacht um viertel vor zwölf geht der Flieger.
Hier wird wahrscheinlich Pause sein für die nächsten zweieinhalb Wochen; die Diskussion ist beendet, ich habe verloren. Nur die Kamera wird reisen mit uns auf einer Teilstrecke der Transsibirischen Eisenbahn von Nowosibirsk bis nach Olchon.
Bis bald,
bis zum August.
Überquert man den kleinen Fluss über die alte Brücke und folgt der kopfsteinernen Straße, betritt man das Viertel, das hinter den Häuserfronten an dieser dem Viertel den Namen gebenden Straße seine Schönheit verbirgt. Diese Fronten gehören zu Höfen, die sich nach hinten, zum Fluss hin öffnen, angeschlossen an ein Netz aus mäandernden Wegen, benutzt von den Menschen, die das Viertel gut kennen.

Wir sitzen beizeiten in dem einzigen Café in dieser Straße, der Freund kennt alle Gäste mit Namen. Die gleichen Gesichter, egal wann wir kommen; der Alte, seine Frau und der Indianer sind jedesmal dort. Wenngleich wir diese Gewohnheit noch nicht lange pflegen, grüßen sie still durch ein Nicken als erkennen sie mich.
Und doch: Ich mag die engen Wege mehr als die Straßen, ich liebe die Nähe zum Fluss, in der Sonne sitzen und warten. Seit Du nicht mehr hier lebst, bin ich deutlich seltener dort unten. Doch ich erinnere uns Hand in Hand über die Höfe fliegen.
«Zurück! Da in der Soziologie unbekannt!» Mich hat eine Postkarte völlig aus dem Tritt gebracht. Beruhigt, dem Bild des Informatikers offenbar nicht zu entsprechen, frage ich, ob mir der Stereotyp des Soziologen angenehmer ist. Der Poststempel beinahe zwölf Monate alt; Irrwege hat sie zurückgelegt, muss sie zurückgelegt haben. Vornauf eine Abrissruine. Auch mir fehlt die Kraft für eine Antwort.

Falsch adressiert, – glücklich – bekommen, ein lange verschollener Freund schreibt, es gehe ihm gut. Ich vermute, er sitzt an der Elbe oder in einem Café, bestimmt – das wär’ wie ich ihn erinner’. Dass wir uns das letzte mal trafen ist mehr als sechs Jahre her. Auf dem Foto, das ich von ihm kenne, lächelt nicht er in die Kamera.
Es geht wieder in den Süden, heute bis zur nächsten großen Stadt, morgen weiter auf die schönere Seite der Republik. Am Fenster zieht die wohlbekannte Landschaft vorbei; schön sie in dieser Richtung zu passieren.
Ich fahre mit ein paar Nonnen nach Süden.
Links bastelt ein Vater zusammen mit seinem Sohn einen Stapel Karten für die Post, der Junge klebt Fotos auf farbigen Karton, der Alte dichtet und schreibt.
Vor mir küssen sich zwei Japanerinnen, als eine Nonne kurz schaut.
Eine Schrebergartensiedlung und Nationalflaggen, doch keiner der mäht.
Wir folgen den Kondensstreifen am Himmel in eine ganz andere Richtung, wir wenigen — dieser Zug ist fast leer.
Außer Vater und Sohn, den Nonnen und den Japanern, die küssen.
Wir waren irgendwo zwischen den Städten und haben uns festgeredet in einem der Clubs im Keller des Bahnhofs. Wir hatten die Uhr – wie immer – nicht im Blick und tranken Rotwein aus Wassergläsern. Es ist so, dass Züge in beide Richtungen meist gleichzeitig fahren und so brachen wir auf, um in die ein oder andere Richtung zu fahren.
Du sagst, du wirst langsam vor die Hunde gehen,
mit Verlaub: Du rennst.
– Pascal Finkenauer – Vor die Hunde gehen
Ich traf Freunde auf dem Parkplatz, stieg in ein mir unbekanntes Auto, als das Telefon ging. Es klingelte die ganze Fahrt, die uns durch unbekannte Städte und scheinbar andere Länder führte.
Es gibt da diese Stelle im Wald, dort hat es jeden Mittag fünfzig Grad. Dort blieben wir die halbe Nacht.
Dann bin ich aufgewacht.
Marouf guckt uns mit einem traurigen Lächeln an: “I don’t know why they don’t like me. Maybe because I look different. I think maybe I am sick. I go to the doctor to test, five month ago” Er erzählt uns mit roten Augen, dass er seine Ergebnisse seit fünf Monaten hat- aber keiner sie für ihn übersetzen möchte. “I go to people, I ask, can you read this? But they always say: no, no! Go away!” Wir sind still. Wir sind diese Menschen.
(dragstripGirl: this is heavy. – Marouf via *indigoidian.de*)
Darum schreibe und lese ich viel lieber Blogs als zu Twittern oder auf Facebook zu sein. Auch wenn’s mich mitnimmt dann und wann. Und ich fühl’ mich erwischt.
Heute reihte sich Termin an Termin, einer davon zwang mich in den Anzug, aus dem ich den ganzen Tag nicht herauskam. Das war zumindest im Freien ein halbes Problem.
«Dieses Wetter drückt auf die Ausdauer» sagt einer und schläft ein, kaum dass er sitzt. Ich beneide ihn um seine Unbekümmertheit und seine Fähigkeit, die Augen zu schließen, ganz egal wo. Das wunderschöne Mädchen schläft auch in Bussen und Zügen, sogar in Flugzeugen wenn es sich kaum lohnt. Sie ist treibende Kraft hinter der Entscheidung, die Tage während der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn im Großraumabteil zu verbringen. Und kann mein Problem damit nicht verstehen: Ich liege allein schon oft stundenlang wach.
Hinten an der Wand liegen die Hemden von letztens, dazwischen die Anzüge der vergangenen Wochen. Das Pflaster auf meinem Arm erinnert mich an die Impfung am Morgen, die ich bereits vergessen hatte.
Das geht seit einiger Zeit diesen Gang. Mein Leben ist ungesaugt und sieht furchtbar aus. Der Preis, den ich zahle, denn irgendwie macht’s auch Spaß. An Tagen wie diesen trage ich die rahmengenähten Schuhe.
Ich komme nicht dazu, hier zu schreiben. Falls ich es überhaupt nach Hause schaffe, ist der Kopf meist woanders, die Ruhe, Gedanken zu ordnen und niederzuschreiben habe ich nicht. Jedenfalls nicht in den letzten Wochen.

Ich habe vorhin im Bus auf der Facebook-Pinnwand eines alten Freundes ein Zitat von Glenn Miller gelesen. Manchmal ist es durchaus ratsam, andere sprechen zu lassen, wenn man selbst nicht genau weiß, wie es geht.
Mit der deutschen Sprache ist es wie mit meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich verstehe sie nicht…
Wir sind über die Tage wieder unten am See, wir sind über die Tage unten am Wasser. In der Sonne. Fernab von zu Haus.
Wir essen jeden Tag für den vielfachen Tageslohn eines Arbeiters, wie jenen in der Färberei mitten in der Altstadt, in der wir vorgestern standen, zu abend und ich habe die Telefonkonferenz eben nur deswegen nicht am Pool machen können, weil der WLAN Empfang zu schwach war und der warme Wind etwas zu stark.
Nachts quält die Klimaanlage durch das Umwälzen des penetranten Geruchs der Konferenztasche – was für ein Unterschied zu der Luft, die man abends genießt, unten am Schwimmbad, wenn man Zeit dafür findet.
Viele arabische Eigenheiten hatte ich wieder vergessen in den vier Monaten seit des letzten Besuchs. Nicht aber die alten Gesichter, die Fragen. Die Umarmungen und das zärtlich Interessierte in ihren Stimmen.
Und doch, das ist kein Urlaub, das hier ist Arbeit: Wie man auf Fragen während eines Telefonats «Wie ist denn das Wetter bei euch?» diplomatisch antwortet, lernt man nicht in der Uni!
In den öffentlichen Verkehrsmitteln dieser Stadt wird mir immer schnell flau. Das passiert nicht nur in neuen Bussen, die auf der Strecke, die ich üblicherweise befahre, kaum eingesetzt werden, sondern vor allem in den alten Modellen, in denen bereits Generationen von Studenten und Universitätsmitarbeitern vor mir zu den naturwissenschaftlichen Instituten in den Wald gebracht wurden.
Auf der Hälfte der Strecke gibt es ein sehr schlechtes Stück Straße, kurz vor einer unnötigen Schleife, die einige Minuten Reisezeit kostet (bzw. das Leiden verlängert), über das die Busse ruckeln, seit ich sie fahre. Heute dreht sich mein Nachbar zu mir, feststellend «das könnten sie auch einmal reparieren». Ich nicke und hoffe, er stellt keine Frage, bei deren Antwort ich ihn anschauen muss und draußen die nötigen Fixpunkte ungenutzt ziehen. Mir ist schlecht, wie mir immer schlecht ist an dieser Stelle.
Und doch bin ich mit dem Bus nach Oslo gefahren oder das lange Stück durch Nordspanien. In Reisebussen geht es mir besser, nicht weil die Busfahrer weniger wahnsinnig wären, allein sie haben nicht die Möglichkeiten, die der Stadtverkehr bietet. Und dieses eine Stück Straße, das gibt es nur in dieser Stadt, am Fuße des Bergs.
Auf dem Weg, den ich morgens hin und abends zurück nutze, liegt auf den letzten Metern vor meinem Büro seit zwei Tagen die zusammengekauerte Leiche einer Wühlmaus.
Draußen jagen die dunklen Wolken einander; doch morgens streckt sich der Wald mir intensiv grün ins Gesicht als würde er sagen, er hat mich vermisst. Kinderschreie brechen durch das Unterholz – des ersten Ausfluges in den Wald wegens. Sie beäugen mich kritisch, weil sie Platz machen müssen, gefordert von ihrer Aufsichtsperson.
Es ist seltsam, in so kurzer Zeit wieder zu fühlen wie Monate zuvor. Als sei man nicht geflüchtet für die wenigen Wochen an einen anderen Ort. Als wäre das Flüchten umsonst, als fände die Flucht niemals statt. Ich kann mich nicht einmal an den Geruch erinnern, jenen speziellen Geruch dieser Küste.
Als sei ich immer hier gewesen.
Der Titel entstammt dem gleichnamigen Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica 2010.
Das ist es also, mein Zimmer. Ich hatte mich bereits entwöhnt. Entwöhnt von den Cocktail-Sesseln und der alten Couch, die Frau Hoffmann so liebt, der Reisetruhe und der Musik, die durch den Raum zieht zu gemütlicher Zeit.
Nachdem ich den Abend damit verbrachte, Rucksäcke aus- und meinen Schreibtisch umzuräumen, fühle ich mich wieder zu Hause mit der Freude, die nächsten zwei Wochen regelmäßig in meinem Bett zu schlafen, bevor ich es wieder eintausche gegen Betten in fremden Hotels.

Und dennoch: Erzähle ich von der Insel schwingt nicht nur Freude im Ton. Auch etwas wie Sehnsucht, so geht es mir immer, kehre ich nach einiger Zeit in dieses Zimmer zurück.
Was nicht heißen will, ich leb hier nicht gern.
Der Eindruck, alleinerziehender Vater zu sein, soll ein Garant sein für schnelle Bekanntschaft. Schiebe einen Kinderwagen im Prenzlauer Berg auf einen Spielplatz der Wahl und Du kannst Dich vor Müttern kaum retten (sollen diese allerdings auch alleinerziehend sein, ist Prenzlauer Berg möglicherweise der falsche Bezirk). Auch Nick Hornbys Roman About a Boy basiert wesentlich auf dieser These.

Der Mann, der fünfundzwanzigtausend Fotos machte, stürmt am Nordstrand zu mir heran mit den Worten «Ich habe mal etwas ganz anderes fotografiert»; auf dem Display seiner Kamera erkenne ich mich, ebenfalls fotografierend. Ich schaue ihn fragend an, während er mir erzählt, wo er welche tausend Fotos schoss, dass auch an den anderen Stränden mächtig was los sei. In den letzten Tagen kam ich oft ins Gespräch mit Fotografen, oben auf dem Lummenfelsen, und sie alle zeigten mir Bilder, auf denen ich mich erkannte. Irritiert und höflich lasse ich ihn zurück.
Wenig später liege ich in einem Haufen Seehundkacke. Allein: Das hat sich gelohnt.
Die Robben und Seehunde sind schließlich Grund für meine Reise hierher.
Die Insel ruft mich zur Räson, was ich mit grober Unvernunft beantworte. Heute hetzt sie sogar das Wetter gegen mich, lässt aber rechtzeitig die Chance zu der Tour über das Oberland, um – wieder – Fotos zu machen von der Umgebung, diesem Felsen im Meer.

Ich trinke Mittags guten Merlot, abends findet man ich in einem der besten Restaurants dieser Insel. Morgen fahre ich raus zu den Robben, man warnt mich, sie seien verspielt. Ich suche nach dem in mir verschütteten Kind (ich habe das passende Buch im Gepäck) während ich antworte «Toll!».
Und doch hat sich nicht viel geändert; ich kann nicht behaupten, die Anspannung wäre nicht da. Aber ich lerne viel über mich. Das schließlich ist der dritte Grund für meinen Besuch.
Irgendwo zwischen Bremen und Bremerhaven. Ich habe nicht viel gesehen von der Landschaft seit Kiel, mich dafür in Wam Kats Kochbuch/Autobiografie festgelesen, das ich in einer Ausstellung über Esskultur entdeckte, in die mich das wunderschöne Mädchen trieb. Ein, auch im Buch abgedrucktes Foto in der Ausstellung reichte, mich zu entscheiden. Jetzt, auf der letzten Teilstrecke nach Bremerhaven, die nur Regionalzüge befahren, will ich die Landschaft genießen und hoffe, die Nordsee zu sehen. Die letzten acht Kilometer werde ich laufen, der Flugplatz ist nur mit dem Auto erreichbar oder, so hoffe ich, zu Fuß. Eine gute Übung für die geplante Wanderung durch Norwegen nächstes Jahr.
Die Nacht habe ich in Kiel, auf einer durchgesessenen und gerade deshalb bequemen Couch verbracht, die ergonomische Eigenschaften durch Unzulänglichkeit simulierte: Der Po lag in einer der durchgesessenen Stellen, ein Querträger im Rahmen bot eine Erhöhung für den unteren Rücken. Die Couch ist etwa zwei Meter breit, kurz: Ich habe phantastisch geschlafen.
In der Küche begrüßen mich morgens eine dampfende italienische Espressomaschine, die Künstlerin, die beiden Musiker und die zwei Töchter des einen, eine davon mit nach Selbsthaarschnittversuch kahlem Kopf.
Später fahren wir raus auf die Koppel, es ist kalt und es stürmt. Auf einem Pferd sitzend sagt er: Das ist eine gute Übung für Helgoland. Falls er gelacht hat, konnte ich es durch das Pfeifen des Windes nicht hören.

Das wird für mehr als zwei Wochen das Letzte sein, was ich von der großen Stadt sehe: Hinter einem Fensterbogen im ersten Stock des alten Bahnhofs, direkt unter dem Scheitelpunkt des Daches der südlichen Halle, in der die Fernverkehrszüge abfahren, schaue ich auf die mäandernden Menschen. Neben mir dampft eine Tasse Kaffee während ich überlege, den Zug um kurz vor neun zu nehmen oder zwei Stunden zu warten, den Ausblick genießen.
«Wozu willst Du nach Bayern?« fragte sie gestern, als wir im Liederbachtal standen und die Sonne am Himmel. Es fällt schwer, darauf etwas zu entgegnen.
Ich wohne die nächsten Tage in einem Appartement mit Blick auf die See. Vielleicht kann man das Festland noch sehen, wahrscheinlich nicht. Ich kenne erste Fotos mit Robben am Strand und leider auch die Prognose bezüglich des Wetters. Im Regen werde ich die Augen schließen und mich zurückträumen zu dem wunderschönen Mädchen, zurück in das Tal.
Der letzte Arbeitstag für die kommenden Wochen; eine arbeitsintensive Zeit liegt vor mir. Meine zukünftige Ex-Versicherung poltert auf Formalien pochend, stellt sich bei einem Schadensfall quer. Hände weg also von diesem Konzern, ab sofort schüttle ich nicht nur beim Sparen den Kopf, ab heute sind mir Sparer suspekt! Rousseau schien mitversichert bei der DFV (ein Lehrstück in Sachen Nachhaltigkeit):
Die Menschen sind böse;
eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis;
– Zweiter Diskurs, Anmerkung IX
Die Insel wartet, ich fahre über Kiel. Nordluft, Möwen, tosende Gischt.
Und Robben.
Bis bald.
Ich habe Kollegen, die wissen beim Aufreißen der monatlichen Abrechnung auf den Cent genau den Unterschied zum Vormonatsgehalt.
Ich habe Kollegen, die sagen, ich zahle für mein Telefon zu viel und könne die Leistung für fünf Euro weniger bekommen, wenn ich zu drei verschiedenen Anbietern wechsle. (Und sie nennen mir deren Namen und den Tarif!)

Mich interessiert das alles irgendwie nicht.
Mich interessieren Dinge wie dieser Brief aus den Vereinigten Staaten, der einer CD beilag, die heute im Briefkasten war. Mich interessiert diese Musik, mich interessieren Bücher und was wird. Das ist Luxus, ich weiß, den ich mir vielleicht nicht mehr leisten kann irgendwann, wenn ich nicht sofort fünf Euro monatlich spare.
Wie ich so hineinleben kann in den Tag? Ich müsse doch planen und ob ich schon riester’?
Aber: Mich interessiert das alles irgendwie nicht.
Was nicht heißt, es wär’ mir egal.
Die Karotten, die ich gerade esse, sind übersät mit Altersflecken und beeindruckend weich. Die ehemalige Mitbewohnerin, die auf einen Tee vorbeischaut, lacht mich deswegen aus und erklärt mir, man könne nicht einfach so fasten. Mein Einwand, es sei doch nur für den Tag, quittiert sie mit einer hochgezogenen Braue.
Wir unterhalten uns eine Weile über diesen Artikel der ZEIT, wechseln dann lieber das Thema. Dennoch: Die Altersflecken auf den gestern gekauften Karotten sind für mich Beweis für den Verzicht auf schädliche Dings, und das kommt meinem Vorsatz mich vernünftig ernähren angenehm nah. Auf dem Tisch schlägt der Kräutertee auf dem Stövchen zuversichtliche Blasen, daneben warten drei Mandarinen auf ihr Schicksal in meinem Magen. (Dort werden sie heut nicht viel finden!)
Es ist nur für den einen Tag. Doch vielleicht, wenn niemand zu Haus ist, vielleicht morgen abend, dann koche ich mal.
Der Wald will seine Ruhe haben
Doch dieses Rauschen nimmt keine Ende
Und Blätter tuscheln miteinander
Die da hält in ihrer Hand den Katzenkorb und lässt ihn nicht los, der dahinter nimmt es mit der Hygiene nicht so genau und stiert suchend in den Zug. Wir halten auf offener Strecke, Werner Muth und Tom Liwa klingen im Ohr. Eine SMS sagt «Ich komme was später», eine andere antwortet «Ich warte auf dich».
Heading Home – zum wahrscheinlich letzten Mal, wir haben gestern eine Ära zu Grabe getragen. An uns ziehen Schlösser vorbei, während wir durch Landschaften gleiten, vorbei an Bahnhöfen, an denen wir lange nicht standen. Der letzte Zug ist der Langsamste, um keine Station zu verpassen.
Die da hält in ihrer Hand den Katzenkorb und lässt ihn nicht los.
Und so an eines harten Tages Abend
Gesteht er sich ein, noch halb beklommen,
Jetzt hab ich Tinnitus bekommen
– Werner Muth & Tom Liwa